REVIEW


MUSIK AN SICH - Die ergänzend eingespielten Stücke halten zudem Erstaunliches bereit: So ist die Pastorella bei weitem keine harmlose Hirtenmusik und das erst kürzlich wiederentdeckte Hic et panis ein höchst innig aufeinander abgestimmter Dialog zwischen der Solo-Violine und dem Bass-Sänger....

 




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OHRENLUST

Bibers Ruf als Beherrscher der barocken Klangpracht rührt ganz wesentlich von seiner Missa Salisburgensis her. Sie ist jedoch kein Solitär. Ein vergleichbar opulent besetztes Werk ist die 36stimmige Missa Alleluja, die vermutlich um 1695 entstand. Hier sorgen u.a. drei Posaunen, vier Trompeten, zwei Clarinen, Pauke sowie ein sechsstimmig geführtes Streicherensemble für großformatigen Farbenreichtum. Hinzu kommt die besondere Virtuosität der beiden Violinstimmen.

Schon 1993 hat sich Konrad Junghänel bei dhm der schwierigen Aufgabe gestellt, dieses Juwel auf CD zu bannen. Doch so richtig überzeugend gelingt dies nun erst Gunar Letzbor. Das ist nicht nur einer sehr geschickten Verteilung der Stimmen im Kirchenraum zu verdanken, sondern auch der Meisterleistung des Toningenieurs Martin Klebahn, der den Klang zwar mit kirchenraumtypischen und notwendigem Hall, dennoch aber so transparent und perfekt gestaffelt eigefangen hat, dass wirklich jede Stimme hörbar präsent bleibt.

Zudem tut Letzbors „ba-rockiger“ Ansatz und seine bekannte Mischung aus virtuosen und musikantischen Einsprengseln Bibers Musik einfach gut. Sie erstarrt dadurch nicht in komplexer Erhabenheit, sondern gerät und setzt in Bewegung, verblüfft und erstaunt immer wieder mit exzentrischen Einfällen, swingt und reißt mit, dass es nur so eine Ohrenlust ist. Die St. Florianer Sängerknaben intonieren kraftvoll und dennoch intonationssicher, das Ensemble Ars Antiqua Austria lässt es instrumental im Besten Sinne krachen.

Die ergänzend eingespielten Stücke halten zudem Erstaunliches bereit: So ist die Pastorella bei weitem keine harmlose Hirtenmusik und das erst kürzlich wiederentdeckte Hic et panis ein höchst innig aufeinander abgestimmter Dialog zwischen der Solo-Violine und dem Bass-Sänger.

Sven Kerkhoff

Bewertung: 19 bis 20 Überflieger

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